Kapitel 1Abhängigkeiten erkennen

Warum Kundengewinnung dem Unternehmen gehören muss

Woran ihr erkennt, ob Kontakte, Wissen und Verkaufschancen wirklich dem Unternehmen gehören.

Die kurze Antwort

Kundengewinnung gehört dem Unternehmen, wenn andere geeignete Kunden, Herkunft der Anfragen, offene Chancen und nächste Schritte nachvollziehen können. Persönliche Beziehungen bleiben persönlich, doch der geschäftlich nötige Kontext muss übertragbar sein.

Guter Umsatz ist erfreulich, aber noch kein Beweis für ein stabiles System. Vielleicht kommen Aufträge, weil eine Geschäftsführerin seit zwanzig Jahren hervorragend vernetzt ist. Vielleicht kennt ein Verkäufer jede laufende Anfrage auswendig. Vielleicht betreut eine Agentur Website, Werbung und Auswertung so zuverlässig, dass intern kaum jemand nach den Zugängen fragt.

Solange alle Beteiligten verfügbar sind, wirkt das effizient. Die Schwäche zeigt sich erst bei Ferien, Kündigung, Krankheit, Nachfolge oder einem Wechsel des Dienstleisters. Dann entscheidet sich, ob das Unternehmen tatsächlich auf seinem Kundenwissen aufbauen kann oder ob es zuerst Informationen, Rechte und Zugänge zusammensuchen muss.

Das Ziel ist nicht, Beziehungen zu entpersonalisieren. Menschen kaufen weiterhin von Menschen. Aber Kontakte, Wissen, Inhalte und Arbeitsmittel sollten so organisiert sein, dass das Unternehmen handlungsfähig bleibt und eine Beziehung nicht bei null beginnen muss, sobald eine andere Person übernimmt.

Was im Unternehmen bleiben muss

Was im Unternehmen bleiben muss

Beginnt bei den Kontakten, aber hört dort nicht auf. Ein Name mit Telefonnummer ist noch kein nutzbarer Kundenkontext. Andere müssen erkennen können, welche Rolle eine Person im Kaufprozess spielt, wie der Kontakt entstanden ist und was bisher geschäftlich relevant war. Bei einem Industriekunden kann das etwa bedeuten: Die Betriebsleiterin nutzt die Lösung später, der Einkauf verhandelt die Konditionen und die Geschäftsleitung gibt das Budget frei. Ohne diesen Zusammenhang ist eine Kontaktliste nur ein Adressbuch.

Dasselbe gilt für Verkaufschancen. «Offerte gesendet» sagt wenig darüber aus, ob die Anfrage dringend ist, welche Alternative geprüft wird oder worauf die Entscheidung wartet. Eine Chance wird übertragbar, wenn ihr festhaltet, in welcher Situation der Kunde steckt, was bereits zugesagt wurde und wer bis wann welchen nächsten Schritt übernimmt. Nicht jede E-Mail muss kopiert werden. Eine kurze, sachliche Zusammenfassung ist oft wertvoller als ein vollständiger Gesprächsverlauf, den niemand liest.

Im Unternehmen bleiben sollte auch das wiederkehrende Wissen aus Gesprächen: typische Fragen, Einwände, Missverständnisse und Entscheidungsgründe. Wenn Interessenten regelmässig nach Einführungsaufwand, Schnittstellen oder Reaktionszeiten fragen, ist das nicht nur Wissen einzelner Verkäufer. Es gehört in Verkaufsunterlagen, auf die Website oder in eine interne Wissensbasis. So verbessert jedes Gespräch das nächste.

Zur Kundengewinnung gehören zudem die Mittel, über die ihr erreichbar und sichtbar seid: Domain, Website, Hosting, Analyse- und Werbekonten, CRM, Newsletter, veröffentlichte Texte, Bilder und Quelldateien. Das Unternehmen sollte Eigentümer oder zumindest vertraglich klar berechtigter Nutzer sein, eigene Administratoren einsetzen und Wiederherstellungswege kennen. Bei unpersönlichen Konten müssen Zugänge kontrolliert übergeben werden können. Das Bundesamt für Cybersicherheit empfiehlt unter anderem unterschiedliche Passwörter, Zwei-Faktor-Authentifizierung und geregelte Änderungen beim Austritt von Mitarbeitenden.

Schliesslich müssen Rollen und Abläufe verständlich sein. Wer prüft neue Anfragen? Wer entscheidet, ob eine Chance verfolgt wird? Wer darf Preise zusagen? Wer pflegt Inhalte und kontrolliert Ergebnisse? Es braucht dafür kein umfangreiches Prozesshandbuch. Eine knappe Beschreibung der Verantwortlichkeiten genügt, wenn sie im Alltag benutzt und bei Veränderungen angepasst wird.

Vier Abhängigkeiten, die sich gegenseitig verstärken

Vier Abhängigkeiten, die sich gegenseitig verstärken

Die erste Abhängigkeit betrifft einzelne Menschen. Eine erfahrene Kundenberaterin kann ein grosser Vorteil sein. Riskant wird es, wenn nur sie weiss, welche Kontakte tragfähig sind, welche Versprechen offen sind und warum ein Interessent noch zögert. Dann ist ihre Abwesenheit nicht bloss eine Lücke in der Kapazität, sondern eine Lücke im Gedächtnis des Unternehmens.

Die zweite betrifft Empfehlungen oder einen einzelnen Kanal. Empfehlungen bringen oft gut passende Gespräche und beginnen mit Vertrauen. Doch Zeitpunkt und Menge lassen sich nur begrenzt steuern. Ähnlich ist es bei einem Suchbegriff, einer Plattform oder einem grossen Vertriebspartner. Solange genug Anfragen kommen, fällt kaum auf, dass ein alternativer Weg fehlt.

Die dritte Abhängigkeit entsteht bei Agenturen und Werkzeugen. Eine gute Agentur kann Fähigkeiten bereitstellen, die intern nicht wirtschaftlich aufgebaut werden können. Ein gutes Werkzeug spart Arbeit. Problematisch wird beides erst, wenn Konten auf externe Personen laufen, Auswertungen nicht verständlich sind oder Daten nur in einem proprietären System vorliegen, aus dem niemand einen brauchbaren Export getestet hat.

Die vierte betrifft Wissen und Inhalte. Vielleicht kennt der Inhaber die überzeugendste Erklärung für das Angebot. Vielleicht weiss die Agentur, welche Botschaft bisher funktioniert hat. Vielleicht liegen die besten Antworten in alten E-Mails. Wenn dieses Wissen nicht in wiederverwendbare Form gelangt, beginnt jede neue Person wieder mit Beobachten und Nachfragen.

Diese Abhängigkeiten verstärken sich. Wenn nur eine Person den Empfehlungsgeber kennt, nur die Agentur den Werbeaccount verwaltet und nur sie weiss, weshalb eine Kampagne angepasst wurde, hängt nicht ein einzelner Teil des Vertriebs an Dritten, sondern eine ganze Kette. Deshalb reicht es selten, nur Kontakte zu exportieren. Entscheidend ist, ob Kontakte, Kontext, Zugänge und Entscheidungen zusammen verfügbar sind.

Der erste Schritt ist keine neue Software

Der erste Schritt ist keine neue Software

Eine Softwareauswahl fühlt sich nach Fortschritt an. Doch ein neues CRM löst nicht die Frage, welche Informationen ihr wirklich braucht, wer sie pflegt und woran eine brauchbare Übergabe zu erkennen ist. Ohne diese Klarheit digitalisiert ihr im schlechtesten Fall dieselben privaten Listen und unklaren Erwartungen in einem teureren System.

Beginnt mit einer Bestandsaufnahme. Nehmt einige reale Kundenbeziehungen, offene Chancen und zentrale Ressourcen. Fragt jeweils: Wo liegt die Information? Wer hat Zugriff? Wer versteht den Zusammenhang? Was würde fehlen, wenn die verantwortliche Person morgen vier Wochen nicht erreichbar wäre? Die Antworten zeigen schnell, wo das Unternehmen stabil ist und wo nur Gewohnheit für Sicherheit gehalten wurde.

Danach folgt der Übergabetest. Eine zweite Person versucht, eine Chance oder Ressource anhand der vorhandenen Informationen zu übernehmen. Sie soll nicht alle Nuancen kennen. Sie sollte aber ohne Detektivarbeit erklären können, worum es geht, wer beteiligt ist, was vereinbart wurde und was als Nächstes passiert. Bei einem Konto sollte sie wissen, wie der Zugang wiederhergestellt und ein weiterer Administrator eingesetzt wird.

Erst aus diesen Beobachtungen entsteht der sinnvolle Mindeststandard. Vielleicht genügt zunächst eine gepflegte Tabelle, ein gemeinsames Postfach und ein Passwortmanager. Vielleicht braucht ihr ein CRM mit Rollen, Erinnerungen und Exporten. Die passende Technik wird klarer, sobald ihr wisst, welche Übergaben sie ermöglichen soll. Damit wird Software zum Werkzeug eines geklärten Ablaufs, nicht zum Ersatz dafür.

In die Praxis

Dein nächster Arbeitsschritt

Erstellt eine Tabelle mit den drei Spalten kritische Beziehung oder Ressource, aktuell verantwortliche Person und übertragbare Dokumentation. Tragt zehn konkrete Einträge ein und prüft bei jedem, ob eine zweite Person damit tatsächlich weiterarbeiten könnte.

Quellen und Vertiefung
  1. Schützen Sie Ihr KMU, Bundesamt für Cybersicherheit BACSOrganisatorische und technische Massnahmen zum Schutz von Informationen in KMU.
  2. Schützen Sie Ihre Konten, Bundesamt für Cybersicherheit BACSEmpfehlungen zu Passwörtern, Zwei-Faktor-Authentifizierung und geregelten Zugängen.
  3. Bundesgesetz über den Datenschutz, Art. 6, Schweizerische Eidgenossenschaft, FedlexGrundsätze zur verhältnismässigen und zweckgebundenen Bearbeitung von Personendaten.